Schule und Gesellschaft stark machen gegen Rechts

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion mit Dr. Doris Katheder, Hans-Uwe Daumann, Markus Schuck, Martin Ziegenhagen und Dr. Helmut Volk (vlnr.)

Ein Höhepunkt des Tages war die Podiumsdiskussion: Sie sollte die bisherigen Erfahrungen in konkrete Weisungen bündeln – für die Gesellschaft, aber vor allem für die Arbeit in den Schulen vor Ort. Gleich zu Beginn der Diskussion kam aus dem Plenum ein wichtiger Hinweis: „Wir haben bisher in der Diskussion nur auf die Spitze des Eisberges geschaut, aber Rassismus zeigt sich sehr viel breiter in der Gesellschaft.“ Dr. Helmut Volk auf dem Podium konnte diese Meinung bestätigen: Der Regionalbeauftragte für Toleranz und Demokratie im bayerischen Kultusministerium sagte, Schülerinnen und Schüler wüssten oft Bescheid über die Gefahren des Rechtsextremismus‘. „Doch nach dem vierten Bier grölen sie auf Festen alles mit.“ Er warnte: Häufig schleiche sich dabei ein gefährlicher Eventcharakter ein.

Ratschläge für Lehrerinnen und Lehrer

Doch wie sollen Lehrerinnen und Lehrer mit diesem Problem umgehen? Dies war eine der Leitfragen von Moderator Markus Schuck vom AKSB. „Hätten hierbei nicht längst die richtigen Strukturen geschaffen werden können?“, fragte er Dr. Helmut Volk und fügte hinzu: „Bei den Lehrkräften sehe ich oftmals eine geringere Medienkompetenz als bei Schülern.“ Volk gab ihm recht und empfahl, externe Fachleute an die Schule und in den Unterricht zu holen. Zeitzeugen oder Nazi-Aussteiger seien oft die besten Gesprächspartner.

Dabei erntete er nicht nur Zuspruch. Dr. Doris Katheder, vom Caritas-Pirckheimer Haus, kritisierte: Gerade an bayerischen Schulen gebe es generell zu wenig Geschichts- und Sozialkunde-Unterricht. Martin Ziegenhagen, Projektleiter der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus, forderte: Lehrer müssen Schüler ernster nehmen! Er sehe die Schule als einen „leider stark demokratiefreien Raum“. „Wie sollen die Jugendlichen sich für die Demokratie erwärmen, wenn sie tagtäglich an der Schule das Gegenteil erleben?“ Die Schule müsse den Mut haben, sich zu öffnen – auch für die neuen Medien. Dass sich manche Lehrkräfte dem verschließen würden, bezeichnete er als „Arroganz“ und „Faulheit“. Außerdem bedauerte er, dass seine Arbeit gegen Rechtsextremismus zunehmend misstrauisch gesehen würde.

Blick auf das Plenum

Auch die Zuschauer waren gefragt bei der Podiumsdiskussion

Hans-Uwe Daumann forderte mehr Lernbereitschaft von den Lehrern. „Die Lehrer müssen endlich lernen, dass sie nicht alles besser wissen als ihre Schüler“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer von „medien+bildung.com“. Gerade im Umgang mit den Neuen Medien reiche es oftmals aus, wenn Lehrkräfte den Unterricht nur steuern würden und die Gestaltung auch mal den Schülern überließen. Ein anderes Anliegen wollte er den Zuhörern aber noch mit auf den Weg geben: „Man sollte auch mal über Neonazis lachen“, sagte er. Bestes Beispiel: die Satire-Mode von Storch Heinar. Dr. Doris Katheder hielt sich einen wichtigen Appell bis zum Ende auf: Sie hoffe, dass aus den vielen Reden nun auch Taten folgen werden.

Neonazis in Facebook und Co.

Botton no-nazi.net

Von Wölfen im Schafspelz bis zu offen extremen Inhalten: in sozialen Netzwerken zeigen viele Rechtsextreme ihr Gesicht. Einige besonders aussagekräftige Beispiele stellte Simone Rafael von no-nazi.net vor. In ihrer Analyse bestätigte sie die Eindrücke ihrer Vorredner: Die meisten Neonazis agieren sehr professionell und geben sich oft bewusst harmlos und scheinbar seriös. Sie propagieren zum Beispiel die besondere Rolle der Familie oder warnen vor „kultureller Überfremdung“. Ein besonders drastisches Beispiel: „Die Kampagne gegen Kinderschänder“ auf Facebook. „Dabei geht es aber nicht wirklich um Engangement gegen Kinderschänder, sondern um eine Propaganda rechtsextremer Politik“, sagte Rafael, „die Forderung nach Todestrafe“. Rechtsextreme wollen über die Sozialen Netzwerke zu einer „Normalisierung“ extremer Argumente beitragen, eine „Meinungsführerschaft übernehmen“; eine rechtsextreme Gegenöffentlichkeit schaffen. Doch warum tun sie dies gerade auf Facebook, Studi-VZ und Co? „Zwischen Hobbys und Familienbildern wirkt Rechtsextremismus wie eine scheinbar legitime private Vorliebe“, erklärte Simone Rafael. Extreme Argumente scheinen hier salonfähig.

Doch wie können Soziale Netzwerke damit umgehen?

Die Inhalte aus Sozialen Netzwerken zu löschen, ist nicht einfach. Zum einen wegen der riesigen Datenmenge, zum anderen weil gelöschte Profilseiten meist kurze Zeit nach dem Löschen erneut hochgeladen werden. Simone Rafael fordert, Soziale Netzwerke sollten sich in ihren AGBs klar gegen extremes Gedankengut positionieren und Kampagnen gegen Rechtsextremismus inhaltlich unterstützen. Den Nutzern empfiehlt sie folgende Strategien:

  • rechtsextreme Seiten melden!
  • In Diskussionen und Foren rechtsextreme Statements nicht unwidersprochen stehen lassen, aber sich auch nicht auf eine Endlos-Diskussion einlassen!
  • Wenn Leute (virtuell) angegriffen werden, dem Opfer zur Seite stehen!
  •  Gruppen beitreten, die sich gegen Nazis engagieren!

Im der anschließenden Diskussion an den Vortrag fragte AKSB-Geschäftsführer Lothar Harles, wie man dann im Netz die Meinungsführerschaft behalten könne: „Was wollen wir denn mit ganzer Kraft?“ Viele Jugendliche seien überhaupt nicht politikfern, antwortete Simone Rafael. Junge Menschen diskutieren zum Beispiel viel in virtuellen Gruppen. Vielen seien Themen wie Gleichberechtigung und Achtung der Mitmenschen sehr wichtig. Aber diese Jugendlichen bräuchten die Unterstützung der Jugendarbeit. „Die Jugendbildung kann hier die Strategien der Rechtsextremen im Web aufdecken“, so Rafaels Fazit.

Neonazis in neuem Gewand

Alexander Häusler beim Vortrag

Alexander Häusler beim Vortrag

Als Einstieg in das Thema der Fachtagung „Kompetent gegen Rechts“ stellte Alexander Häusler neue Entwicklungen im rechten Spektrum vor. Der Sozialwissenschaftler der FH Düsseldorf ist Experte auf diesem Gebiet. Sein Schwerpunkt: die Darstellung der „Neuen Rechten“ bzw. „Modernisierten Rechten“. Während Rechtsextreme früher vor allem explizit Bezug auf den Faschismus genommen und Demokratie abgelehnt haben, suchen die Neuen Rechten neue Feindbilder wie den ungezügelten Kapitalismus oder den militanten Islamismus. Sie verstecken sich dabei in neuen Gewand, bedienen sich bewusst einer alternativer Ästhetik wie Comicfiguren, Graffiti oder Symbolen aus der linken Szene. Ihr Ziel dabei: neue jugendliche Klientel ködern. Mit ihrem Vorgehen werde der Rassimus kulturalisiert und religös umformt, sagte Alexander Häusler. Die neue Rechte stilisiere sich dabei zu einer „Bürgerrechtsbewegung gegen den Untergang Deutschlands“ – und begeht dabei offene Tabubrüche. Sie stellt sich als Medienopfer dar und tritt ein „für ein Recht auf Ressentiments und Radikalismus“.  Aber Häusler mahnt auch: Die Rechte bezieht sich auf real existierende Probleme und deutet sie nationalistisch um. Diesen nur mit der „Moralkeule“ entgegen zu treten, reiche nicht aus. Man müsse „das instrumentelle Verhältnis zur Demokratie herausstellen“. Außerdem sei eine klare Positionierung für eine multikultuell verfasste Einwanderungsgesellschaft nötig. Demokraten sollte sich nicht einlassen auf eine Diskussion von „Kulturkampf“, sondern „die interkulturellen Interessen im sozialen Raum betonen“.

Berichterstattung von “Jugend im Web 2.0: Kompetent gegen Rechts”

Porträtfoto Andreas Spengler

Andreas Spengler

Die Jugendpresse Deutschland wird vor Ort von der Fachtagung „Jugend im Web 2.0: Kompetent gegen Rechts“ in Ludwigshafen berichten. Als Bundesverband junger Medienmacher möchte sie mit dieser Form der Kooperation Jugendliche für das Thema „Kompetent gegen Rechts“ sensibilisieren und sie in ihrer Medienkompetenz stärken. Reporter vor Ort wird Andreas Spengler sein. Er war im Vorstand der Jugendpresse in Baden-Württemberg, studiert Politik- und Medienwissenschaften und ist Journalistenschüler am Institut zur Förderung Publizistischen Nachwuchses (ifp), der katholischen Journalistenschule in München. In den kommenden beiden Tagen wird er rund um die Uhr vom Geschehen vor Ort berichten und so das breite Themenspektrum und die vielfältigen Programmpunkte direkt online abbilden. Das Reinklicken lohnt sich also!